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DAS ROTE VOM EI Autorinnen Fotos Termine


DAS ROTE VOM EI

Drei szenische Zuspitzungen von Gertraud Klemm, Gabriele Kögl und Grischka Voss

Es ist eines der umstrittensten Themen, das bis heute kontroverse Debatten und große Emotionen auslöst. Die reproduktiven und sexuellen Rechte von Frauen* unterliegen nach wie vor Einschränkungen. Schwangerschaftsabbrüche sind in Österreich unter bestimmten Voraussetzungen zwar straffrei, aber nach wie vor im Strafrecht verankert. In literarischen Momentaufnahmen beleuchten drei österreichische Autorinnen den ewigen Kampf um die Selbstbestimmung von Frauen* über ihren Körper im Falle einer ungewollten Schwangerschaft.

AUSGANGSSITUATION

Es war nicht damit zu rechnen, dass sich das Thema ‚Schwangerschaftsabbruch‘ für das Jahr 2024 nochmals aufdrängt. Doch die emotionale Auseinandersetzung um den Zugang zur fachmedizinischen Versorgung, wie sie in den letzten Monaten auch in Vorarlberg geführt wurde, die simplifizierende Polarisierung zwischen Befürworter:innen und Gegner:innen, die teilweise groteske Ausmaße annimmt, sowie alle Rückschritte der letzten Jahre bezüglich dem Recht der Frau auf Selbstbestimmung machen dies unverzichtbar. Zudem ist es essentiell, dass sich Frauen äußern und die Debatte bestimmen, nachdem in der Vergangenheit überwiegend Männer die rechtliche, medizinische und moralische Entscheidungsinstanz innehatten.

Initialzündung war ein Kommentar der Schriftstellerin Gertraud Klemm im Standard vom 17.7.2022. In „Die Aufhebung von Roe v. Wade oder Der Uterus im Griff des Staates“ fasst sie in einer messerscharfen Analyse und mit der ihr eigenen Pointiertheit alle wesentlichen Aspekte der ewigen Debatte zusammen.

Gertraud Klemm, Die Aufhebung von Roe v. Wade oder Der Uterus im Griff des Staates. Der Standard, 17. Juli 2022

Safe, legal and rare

In der eigenen Wahrnehmung sind die Rückschritte und die zunehmende Stigmatisierung von Frauen, die eine Schwangerschaft beenden, schleichend vor sich gegangen. Mit den rechtlichen Errungenschaften seit den 1970er-Jahren und nach allen bekannten Protestbewegungen, die in Deutschland und Österreich zu den Fristenlösungen mit oder ohne Beratungspflicht geführt haben, war die Möglichkeit gegeben, straffrei und mit medizinischer Betreuung Abbrüche vorzunehmen. Die lebensgefährlichen Folgen von Seifenlauge, Küchentisch und Kleiderbügel waren gebannt, zumindest in Ländern, die sich zu einer neuen Gesetzgebung entschlossen hatten. Die Gleichzeitigkeit von Illegalität und Straffreiheit führt jedoch weiterhin zu Paradoxien. Kein europäischer Staat hat bisher Abtreibungen vollständig entkriminalisiert, in einigen sind sie nach wie komplett verboten (z.B. Malta).

Safe, legal and rare war eine Maxime bezüglich Schwangerschaftsunterbrechungen in den USA seit den 1990er-Jahren, bis die Grundsatzentscheidung des Obersten Gerichtshofs Roe vs. Wade (1973) knapp fünfzig Jahre später aufgehoben wurde und weltweit für ein erneutes Aufflammen der Diskussionen gesorgt hat.

Dabei ist man sich überall bewusst, dass Verbote Abtreibungen nie verhindert, sondern nur kriminalisiert und gefährlicher gemacht haben, und damit die seelischen und psychischen Belastungen der Frauen, ihrer Partner, ihres Umfelds sowie des medizinischen Personals erhöhten.

Das Wissen um die Option, im Konfliktfall innerhalb einer bestimmten Frist einen Abbruch vornehmen lassen zu können, gibt Sicherheit, ohne dass deswegen die Leichtfertigkeit zugenommen hätte. Eine Schwangerschaft zu beenden, ist eine große persönliche Entscheidung und man darf auf die Fähigkeit von Frauen vertrauen, die für sie richtige Option zu wählen, auch im Sinne des potentiellen Kindes.

Pro Life – Pro Choice:

Unter diesen vereinfachenden Labels werden in der Debatte Gegner:innen und Befürworter:innen von Abtreibungen in „Gut und Böse“ eingeteilt. Bei Protestaktionen und Demonstrationen treffen Vertreter:innen beider Lager oft aufeinander. Wahrzunehmen ist, dass die Bewegungen, die für ein striktes Verbot von Abtreibungen sind, seit Ende der 1990er mehr Gehör und Sichtbarkeit finden, dass die sogenannte ‚Lebensschutzbewegung‘ immer offensiver in der Öffentlichkeit auftritt und in der Wahl ihrer Mittel ständig radikaler wird.

Die Anti-Abtreibungsbewegung umfasst eine Vielzahl von Gruppen und funktioniert wie ein globales Franchise-Unternehmen, das reaktionäre, autoritäre, anti-emanzipatorische und religiös-fundamentalistische Positionen vertritt und bewusst einen ‚Kulturkampf‘ ausruft. Die Narrative sind international identisch und ihre Werte werden als universelle Wahrheiten dargestellt:

- Völkische Auslegung: Demographischer Selbstmord des eigenen Volkes / Christen als bedrohte Minderheit / Kreißsäle werden zum Schlachtfeld, auf dem die Rettung der Nation gegen die Einwanderung erkämpft wird / Entscheidend, wessen Kinder zur Welt kommen.

- Verteidigung der patriarchalen Ordnung: Re-Traditionalisierung der Geschlechterrollen nach dem „Werteverfall“ durch die 1968er und dem „destruktiven Feminismus“ / Natürliche Ordnung: Frausein = Muttersein; Frauen, die kinderlos bleiben wollen, handeln wider ihre Natur / Abtreibung als wahre Gewalt gegen Frauen / Feindbild Genderideologie und reproduktionsunabhängige Sexualität / Beziehungsmodelle, welche die klassische Ehe gefährden.

- Christlicher Fundamentalismus: Absolutheitsanspruch / Bekehrung und Missionierungsdrang gegen Evolutionslehre, Homosexualität, Selbstbestimmungs- und Gleichheitswahn der Frau.

Zu regelmäßigen Aktivitäten der Lebensschutzbewegung zählen unter anderem:

- „Marsch fürs Leben“: Seit 2008 finden jährlich in vielen Städten Schweigemärsche statt, bei denen weiße Holzkreuze getragen werden. „1000 Kreuze für das Leben“ sollen die abgetriebenen Kinder einer Stadt symbolisieren. Der Marsch endet stets mit einem ökumenischen Gottesdienst.

- ‚Gehsteigberatungen‘: Belästigungen von Patientinnen vor Praxen/Kliniken auf übergriffige Weise. Man zeigt Plakate mit Fotos von daumenlutschenden Föten, überreicht Infomaterial oder Rosenkränze aus Plastikföten. Die Protestierenden nennen ihre Präsenz ‚sensible Beratung‘, Betroffene sprechen von Nötigung und Psychoterror. Auch in Bregenz gab es vor der Praxis, in der Schwangerschaftsabbrüche vorgenommen werden, regelmäßig Aktionen. Vor der Landtagsdebatte am 1.2.23 wurde allen Mandatar:innen von einer Organisation aus Linz ein Plastikfötus mit einer Visitenkarte zugesandt („Nennen wir ihn Markus.“) Auf diese Weise vor einer medizinischen Institution Druck auf Patientinnen auszuüben, wird nirgends sonst geduldet. Man stelle sich vor, Zeugen Jehovas protestierten vor der Notfallambulanz gegen Bluttransfusionen.

- Einschüchterung von Mediziner:innen: Die Lebensschutzbewegung ist digital gut vernetzt, was zu einer überregionalen Koordination von Protesten führt. Organisationen führen Trainings für Gehsteigberatungen durch, organisieren Dienstpläne und zahlen sogar Stundenlöhne. Als extremstes Beispiel sei die Seite www.babycaust.de genannt, die den ‚Lebensschutz‘ mit dem Widerstand gegen den Nationalsozialismus vergleicht (das Wort babycaust wurde vom deutschen BGH verboten). Neben hetzerischen Texten und Bildern wird eine Liste aller Einrichtungen geführt mit dem Aufruf zu Störaktionen und einer Übersicht über Klagen gegen Ärzt:innen mit „Tötungslizenz“, denen die „Mittäterschaft am Völkermord“ vorgeworfen wird. Der Prozess um das Werbeverbot gegen die Gynäkologin Krista Hänel in Deutschland ist ein weiteres Beispiel für eine konzertierte Aktion.

- Proteste gegen die medikamentöse Abtreibung, die für Patientinnen schonender ist, weil sie im privaten Bereich durchgeführt werden kann.

Das strategische Ziel hinter allen Aktionen ist, Abtreibungen zu erschweren oder zu verhindern, indem man Frauen einschüchtert, und gleichzeitig einen Mangel an Ärzt:innen zu erzeugen, indem man diese unter Druck setzt. Medizinisches Personal kann aus Gewissensgründen ablehnen, Abbrüche vorzunehmen oder daran teilzuhaben. Viele verweigern jedoch nicht aus Gewissengründen, sondern weil die Arbeitsbedingungen schwieriger werden, wegen der Diffamierungen, schlechterer Karrierechancen und zu wenig Ausbildung.

Mediziner:innen benötigen Anerkennung und Schutz sowie bessere Ausbildung. Manche Ärzt:innen praktizieren trotz Erreichen des Pensionsalters weiter, weil keine Nachfolge zu finden ist; eine Situation, die auch aus Vorarlberg bekannt ist.

Der Mutterleib ist der gefährlichste Ort für Menschen

Die Lebensschutzbewegung tritt am vehementesten für das ungeborene Leben ein, mit einem scharfen Auge auf die ‚richtigen Kinder‘. Die Frage muss gestellt werden, welches Leben als schützenswert angesehen wird? Bei humanitären Krisen, bei Krieg, Flucht und Gewalt, kann man wenig Engagement registrieren, ebensowenig bei Kindern ,nicht einheimischer‘ Abstammung. Das lässt auf die eigentlichen Hintergründe von radikalen Abtreibungsgegner:innen schließen und erhöht ihre Unglaubwürdigkeit.

Schuld und Scham

Weiterer Teil der Propaganda ist die Erfindung des Post-Abortion-Syndroms, mit dem vor physischen wie psychischen Folgen eines Schwangerschaftsabbruchs gewarnt wird. Das wissenschaftlich nirgends dokumentierte PAS sei eine posttraumatische Belastungsstörung, die Depression, Unfruchtbarkeit, Frigidität und das Ansteigen des Brustkrebsrisikos umfassen soll. Natürlich kann eine Abtreibung zu Konflikten und Schuldgefühl führen, aber gleichermaßen gibt es Frauen, die die Beendigung einer ungewollten Schwangerschaft als Erleichterung empfinden. Nur wird darüber selten gesprochen. Die Tatsache, dass es für Frauen nicht ratsam ist, über ihre Erfahrungen zu reden, weil sie sich permanent rechtfertigen müssen oder angefeindet werden, ist für viele Betroffene traumatisierender als der Eingriff an sich.

Happy Abortions

Die Option der glücklichen Abtreibung scheint es nicht zu geben. Das Narrativ dominieren Trauer, Reue, Schuld, Scham, Not. Freude darüber zu äußern, „nicht gezwungen zu sein, Mutter zu werden“ ist eine Provokation. Dabei könnte die Beendigung einer ungewollten Schwangerschaft aus Sicht einer Frau, die nicht schwanger sein will, auch als ‚Geschenk des Himmels‘ begriffen werden. Die Behauptung, eine Abtreibung sei per definitionem eine negative und unglückliche Erfahrung, ist herabwürdigend, und führt weg von der politischen Debatte. Das Recht, kein Kind zu haben, muss in Zusammenhang betrachtet werden mit dem Recht, ein Kind zu haben. Das Gefühl von Scham und Schuld wurde über Jahrhunderte durch patriarchale Strukturen konditioniert: Die Mutterschaft ist das richtige Ende einer Schwangerschaft, der Abbruch – selbst wenn als notwendig angesehen – bedeutet immer Unglück für die Frau. Sie scheitert, weil sie den Werten der glücksbringenden Mutterschaft nicht entspricht. Empfindet sie das nicht so, ist sie das Gegenteil der ‚guten Mutter‘, eine ‚böse‘ Frau, nicht normal, die Abweichung. Solange Mutterschaft normativ ist, bleibt Abtreibung verachtenswert. Sie ist die Antithese dessen, was Frauen traditionell sein und tun sollten.

Als einzig erlaubter Ansatz in der Entscheidung für einen Abbruch scheint die Verantwortung gegenüber dem potentiellen Kind zu gelten. Eine Frau, die glaubt, keine gute Mutter sein zu können, handelt im Interesse des Kindes.

Ein Ei ist kein Huhn (Gertraud Klemm)

Die wiederkehrende Frage in sämtlichen Debatten ist die nach dem Beginn des Lebens, die sich so wenig beantworten lässt, wie ‚Was war zuerst da: Die Henne oder das Ei?‘

Zwei Positionen treffen wiederkehrend aufeinander: Die eine stellt den Embryo/Fötus in den Mittelpunkt und beruft sich auf scheinbar bestätigte wissenschaftliche Positionen, dass das Leben mit der Verschmelzung von Ei- und Samenzelle beginnt, spricht ab der Befruchtung von ‚Kind‘ und vermenschlicht das sich entwickelnde Leben. Ihre Conclusio lautet: Abtreibung ist Mord. Sie stellt das Lebensrecht des werdenden Lebens über das Selbstbestimmungsrecht der Frauen.

Bei der anderen Position steht die Schwangere im Mittelpunkt. Sie wird als Einheit untrennbar mit dem sich entwickelnden potentiellen Leben betrachtet. Eine Ansammlung von Zellen, die ohne die mütterlichen Organe nicht überleben kann, ist nicht mit einem Menschen gleichzusetzen und man kann deren Rechte nicht über die der schwangeren Person stellen. Ein heranreifender Apfel ist kein Baum, stellt Gertraud Klemm in ihrem Essay überzeugend fest. Vor dem Gesetz erhält das Kind mit der Geburt seine vollen bürgerlichen Rechte. Für Vertreter:innen dieser Position gilt: Abtreibung ist ein Menschenrecht.

Über den Einzug der Seele in den Körper als ‚Startpunkt für das Leben‘ gibt es in den verschiedenen Religionen und Kulturen zahlreiche Varianten und sinnvolle Auslegungen.

INTENTION

Aufklärung, Sensibilisierung und politische Bildung sind seit der ersten Produktion Ziel der Theaterarbeit von dieheroldfliri.at. Statt eines dokumentarischen Zugangs wurde für das neue Projekt eine literarische Verarbeitung gewählt, indem wir drei renommierte Schriftstellerinnen beauftragt haben, Kurzdramen zu schreiben.

Aus ihrer individuellen und feministischen Sicht werden verschiedene Facetten des Themas aufgefächert. Denkansätze rund um die ewig wiederkehrenden Debatten werden in einer abstrakten bis grotesken literarischen Überhöhung szenisch zugespitzt und zur Diskussion gestellt.

Dies sind die manipulativen Argumentationen von selbsternannten Lebenschützer:innen, die dahinter verborgene Strategie, das Patriarchat vor weiterer Bedrohung zu retten, und die traumatischen Ängste von Frauen, für die eine Mutterschaft nicht in Frage kommt.

Für das Selbstbestimmungsrecht von Frauen einzutreten ist nötig, da es von verschiedenen politischen und gesellschaftlichen Strömungen immer wieder angegriffen wird. Da der Aktionsradius der Anti-Abtreibungsbewegung weiter zunimmt, ist es wichtig, dass in der öffentlichen Debatte weibliche Standpunkte sichtbar werden, die für das Recht auf Selbstbestimmung eintreten.

VERMITTLUNG

Der Verein Amazone wird im Foyer zum vierten Mal eine begleitende Ausstellung konzipieren. Im Mädchenzentrum Amazone in Bregenz wird ein workshop stattfinden zum Thema ‚Reproduktive und sexuelle Rechte‘.

Falls bei Schulen Interesse besteht, bieten wir zwei Schulaufführungen ab 16 Jahren an mit Vor- und Nachgespräch.

LITERATURLISTE

- Elke Sanders, Kirsten Achtelik und Ulli Jentsch, Kulturkampf und Gewissen. Medizinethische Strategien der „Lebensschutz“-Bewegung. Verbrecher Verlag. Berlin 2018

- Erica Millar, HAPPY ABORTIONS – Mein Bauch gehört mir - noch lange nicht. Klaus Wagenbach Verlag. Berlin 2018.

- Familienplanungszentrum Balance (Hg.), Die neue Radikalität der Abtreibungsgegner_innen im (inter-)nationalen Raum. Ist die sexuelle Selbstbestimmung von Frauen heute in Gefahr? AG SPAK – M257 (Arbeitsgemeinschaft sozialpolitischer Arbeitskreise). Neu-Ulm 2012.

- Annie Ernaux, Das Ereignis. Suhrkamp Verlag. Berlin 2021.

- Charlotte Worgitzky, Meine ungeborenen Kinder. dtv. München 1995.

- Charlotte Gneuß und Laura Weber (Hg.), Glückwunsch – 15 Erzählungen über Abtreibung. Hanser Verlag. Berlin 2023.

- MUVS – Museum für Verhütung und Schwangerschaftsabbruch, Wien

- Andrea Vogelsang, Die Höhle der Löwin. Sulzbach/Taunus 2018.


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